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Das erste schwul-lesbische Kulturzentrum in der Türkei | Can Başkent

DAS ERSTE SCHWUL-LESBISCHE KULTURZENTRUM IN DER TURKEI

CAN BAŞKENT

Übersetzer: Ossi

Die Gruppe Kaos GL veröffentlicht seit sieben Jahren ununterbrochen die erste Schwulen/Lesben-Zeitschrift der Türkei. Seit einigen Monaten führt die Gruppe ihre Aktivitäten im Kaos Kulturzentrum fort. 1994 in Ankara gegründet, ist Kaos GL eine der ersten Schwulen/Lesben-Gruppen der Türkei. Sie wurde durch die Herausgabe der gleichnamigen Zeitschrift und durch viele Aktivitäten eine der aktivsten und bekanntesten Gegenkulturgruppen des Landes. Jahrelang kämpfte Kaos GL darum, geeignete Versammlungsräume zu finden. Nun hat sie mit grosser Entschlossenheit ein eigenes Kulturzentrum gegründet. Das Zentrum, auch wenn es lediglich eine Etagenwohnung ist, verfügt über eine Bibliothek und Versammlungsräume für bis zu 50 Personen. Kaos GL veranstaltet ein Programm mit Foren und Filmvorführungen. Mit dem Zentrum stellt Kaos GL nun selbst Versammlungsräume für andere Gegenkulturgruppen in Ankara bereit.

Die Zeitschrift Kaos GL erschien bis zum letzten Jahr lediglich als im Fotokopieverfahren hergestelltes Periodikum. Auf eine Mahnung der Polizei hin wurde die Zeitschrift legalisiert. Diese 'erzwungene‘ Entwicklung trifft sich meiner Meinung nach mit dem Wunsch der Gruppe, nicht weiter im 'Untergrund‘ zu bleiben und sich öffentlich und legal zu machen. Die seit sieben Jahren monatlich erscheinende Zeitschrift ist ab jetzt nur noch alle drei Monate zu haben. Kaos GL hat sich ausserdem entschieden, eine monatliche Zeitung unter dem Titel "Parmak" (Finger) zu veröffentlichen. Mit der Zeitung Parmak, die seit März 2001 erscheint, will sich die Gruppe vor allem in die aktuelle Tagesordnung einmischen.

In einem Interview im letzten Jahr betonten Ali Erol und Ali Özbas von Kaos GL, dass es Kaos GL nicht darum geht, eine neue Minderheitenkultur zu schaffen. Öffentliches Auftreten, keine Scheu vor neugierigen Blicken und Auseinandersetzung mit coming-out gehören m.E. zu den positivsten Seiten der Gruppe. "Was Kaos GL gemacht hat und machen wird" ist laut Gruppe ihre Kultur. In diesem Rahmen hatte die Gruppe eine libertäre und "aktuell" oppositionelle Identität. Allerdings scheint sie nach dem Prozess der Popularisierung, die mit der Eröffnung des Kulturzentrums eingesetzt hat, Probleme damit zu haben, ihre Identität beizubehalten.

Während Kaos GL in der Vergangenheit an Foren, an 8. März-Demos und Radiosendungen teilgenommen hat, scheint sie das Interesse an nach aussen gerichteten Aktionen und Aktivitäten zu verlieren. Pessimistisch könnten wir sagen, dass die Gruppe sich in die eigenen vier Wände gesperrt hat und ihre ganze Energie auf das Kulturzentrum richtet. Trotz dieser Tendenz ist Kaos GL bei vielen Aktivitäten weiter präsent. So z.B. die Teilnahme am 1. Mai 2001 und ein Stand beim Frühlingsfestival der Technischen Universität des Mittleren Osten. Am 1. Mai trugen die AktivistInnen von Kaos GL Regenbogenfahnen und verteilten Flugblätter. Diese erste Teilnahme einer schwul-lesbischen Gruppe am 1. Mai hat ihre Stimme in weite Kreise - von kommunistischen bis hin zu islamistischen Medien - getragen.

Die Gruppe gehört weiter zu den OrganisatorInnen des halbjährlichen grossen Schwul/Lesben-Treffens. Das sechste Treffen im Frühling 2001 wurde von vielen TeilnehmerInnen als ein Zeichen für eine bestimmte Reifung der Bewegung bewertet.

Wie der Name nahelegt, ist die Gruppe libertär/freiheitlich ausgerichtet. Eine zu erwartende Nebenwirkung des Kulturzentrums scheint eine Anpassung an den mainstream zu sein. Obwohl sich Kaos GL durch die monatliche "Parmak" in die aktuelle Tagesordnung einmischt, scheint die frühere oppositionelle Identität im Kleiderschrank abgestellt zu sein. Die kulturellen/intellektuellen Aktivitäten im Zentrum, das eher einen Gay-Cafe Eindruck hinterlässt, sind spärlich und das Interesse der Mehrheit der "Kunden" an denselben ist eher gering. Wie diese Verwässerung sich positiv auf zukünftige Aktivitäten der Kaos GL und auf ihre Verantwortung als bekannteste Schwulen/Lesben-Gruppe auswirken wird, bedarf einer Auseinandersetzung. Ich frage mich, welchen Nutzen für Kaos GL der Versuch hat, auf diese Weise "mehr zu werden und damit zu erstarken". Ein Gespräch mit Ali Erol zeigt auf, dass die sich entwickelnde Tendenz auf das Desintersse der Besucher des Kulturzentrums zurückzuführen ist. Ein passives Zuschauen dieser Entwicklung lässt m.E. die siebenjährige Erfahrung und Verantwortung von Kaos GL nicht zu.

Das Kaos Kulturzentrum wurde Ende 2000 gegründet und die Zeit, für eine gereifte Kritik ist noch früh und ein vorsichtiger Umgang mit den erarbeiteten Instrumenten kann durchaus einen neuen Schub für die Befreiung der Schwulen und Lesben in der Türkei mit sich bringen.

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